21.11.2025 08:00
Andreas Naegeli öffnet den Blick hinter Gefängnismauern
Letzte Woche gab Andreas Naegeli, Direktor der JVA Pöschwies, im Rahmen der Vortragsreihe «Blickpunkt» der Bezirkssparkasse Dielsdorf in der Pemo-Arena Einblicke in die Arbeit einer modernen Justizvollzugsanstalt.
Buchs. Die Bezirkssparkasse Dielsdorf lud letzte Woche am Donnerstag zum jährlichen «Blickpunkt»-Anlass in die Pemo-Arena in Buchs ein. Vor rund 250 Besuchenden begann Referent Andreas Naegeli seinen Vortrag über eine Welt, die viele nur aus Berichten kennen.
Er ist seit 2013 Direktor der Justizvollzugsanstalt (JVA) Pöschwies in Regensdorf, der grössten Justizvollzugsanstalt der Schweiz. Sein Weg dahin war ungewöhnlich: Ausgebildet als Landwirt, gelangte er über verschiedene Stationen in die heutige Funktion.
Klarer Auftrag
Der Auftrag, den Naegeli und sein Team erfüllen müssen, ist klar definiert: Die Gesellschaft schützen, künftige Straftaten verhindern und Menschen nach der Haft möglichst ohne Rückfall in die Freiheit entlassen. Ein Blick in die Zahlen zeigt die Dimensionen: In der Schweiz werden pro Jahr rund 100 000 Verurteilungen ausgesprochen, 82 Prozent davon gegen Männer. Das führt in etwas mehr als 9 000 Fällen zu einer Freiheitsstrafe oder stationären Massnahme. Landesweit stehen dafür rund 7 000 Haftplätze zur Verfügung.
Die JVA Pöschwies selbst hat Platz für 399 Gefangene, die aktuell von Männern aus 58 Nationen belegt sind. Rund 330 Mitarbeitende arbeiten hinter einer 1.3 Kilometer langen Gefängnismauer.
Grundlage ihrer Arbeit sind massgeblich die Artikel 74 und 75 des Strafgesetzbuchs: Sicherheit gewährleisten, aber auch das soziale Verhalten fördern und Menschen «wieder auf den richtigen Weg bringen».
Um diesen Auftrag zu erfüllen, ist der Alltag in der JVA Pöschwies strukturiert und orientiert sich am Prinzip der Normalisierung: Gefangene arbeiten, besuchen schulische oder therapeutische Programme, erhalten medizinische Betreuung und können seelsorgerische Unterstützung nutzen.
Auch geregelte Freizeit und ausgewählte interne Anlässe, wie beispielsweise der anstehende jährliche Besuch des Samichlaus, gehören dazu.
Für geeignete Personen steht zudem ein offener Vollzug im Haus Lägern mit 23 Plätzen zur Verfügung. «Wir müssen Menschen in der Unfreiheit auf die Freiheit vorbereiten», erklärte Naegeli. Dieses Ziel ist klar messbar, aber anspruchsvoll. Die Rückfallquote bei Schweizer Verurteilten lag 2019 bei 17.2 Prozent. Dabei bedeutet jeder vermiedene Rückfall ein nicht begangenes Delikt und damit ein verhindertes Opfer. Dass dies Ressourcen braucht, ist offensichtlich. So kostet ein Tag im Normalvollzug pro Inhaftiertem durchschnittlich 331 Franken.
Trotz aller Zahlen wurde deutlich, dass Strafvollzug ein hochkomplexer gesellschaftlicher Auftrag ist, der nicht allein durch Mauern entsteht, sondern vor allem durch die professionelle Arbeit aller Mitarbeitenden. Im Anschluss lud die Bezirkssparkasse Dielsdorf die Gäste zu einem Apéro ein.
Julie Ehrsam
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Rund 250 Personen verfolgten in der Pemo-Arena den Vortrag von Andreas Naegeli über den Alltag der JVA Pöschwies. Bild: Julie Ehrsam