Informierten über die mögliche Ansiedlung (v.l.): Hochbau- und Planungsvorstand Dominique Huber,
Annette Bohr, Projektleiterin SPS, Gemeindepräsidentin Barbara Schaffner und Architekt Felix Thies. Bild: Martina Kleinsorg
20.03.2026 08:00
Hitachi prüft Campus in Otelfingen
Das globale Technologieunternehmen Hitachi will mehrere Standorte zusammenlegen – möglicherweise in Otelfingen. Wie die Gemeinde an einer Infoveranstaltung mitteilte, brächte dies neben Steuereinnahmen auch eine Aufwertung des Industriegebiets.
Otelfingen. In der Einladung war von einer «vielversprechenden möglichen Industrieansiedlung» die Rede. «Ich freue mich, jetzt die Katze aus dem Sack lassen zu dürfen», sagte Gemeindepräsidentin Barbara Schaffner an der kurzfristig anberaumten Infoveranstaltung im Kirchgemeindesaal vor rund 60 interessierten Einwohnenden: Der Energiezweig des Konzerns Hitachi Energy plane, bestehende Produktions-, Entwicklungs- und Bürostandorte zusammenzulegen mit dem Ziel der Kapazitätserweiterung. Für den neu entstehenden Campus würden derzeit verschiedene Standorte evaluiert – Otelfingen sei einer davon.
Hitachi Energy mit über 100-jähriger Verankerung und Hauptsitz in der Schweiz gehört weltweit zu den führenden Unternehmen in der Entwicklung und Produktion wegweisender Technologien wie Hochspannung, Transformatoren, Automatisierung und Leistungselektronik. Das Unternehmen entwickelt und implementiert digital gesteuerte Stromnetzlösungen. «Otelfingen hatte eine Vorreiterrolle und war als eine der ersten Gemeinden der Region elektrisch erschlossen – mit der Ansiedlung von Hitachi an diese Tradition anzuknüpfen und sie weiterzuführen, wäre eine fantastische Chance», sagte Gemeindepräsidentin Barbara Schaffner.
Hitachi will den Campus in zwei Phasen entwickeln: Die erste Phase mit Fertigstellung ab 2030 sieht den Neubau eines Labor-, Produktions- und Bürogebäudes auf dem unbebautem Gelände östlich des Jelmoli-Gebäudes vor sowie ein weiteres Produktions- und Bürogebäude westlich davon. Schrittweise soll das Jelmoli-Gebäude umgenutzt werden: Vorgesehen sind Logistik, Forschungscenter, Konferenzbereich, Kita, Restaurant und weitere Dienstleistungen – Angebote, die teilweise der gesamten Otelfinger Industrie zur Verfügung stehen würden. Es sollen rund 1200 Arbeitsplätze entstehen, bei 30 Prozent Homeoffice-Anteil. Die zweite Phase (ab 2035) umfasst eine mögliche Erweiterung der Produktionskapazitäten und zusätzliche Renovationen im Jelmoli-Gebäude sowie bis zu 3000 Mitarbeitende.
Spannende Ausgangssituation
Ilmer Thies Architekten, seit mehr als zehn Jahren für das Industriegebiet Otelfingen tätig, haben für das Hitachi-Projekt eine Studie erstellt. «Die Ausgangssituation ist spannend», sagte Felix Thies. Die Parzellen seien im Besitz einer Eigentümerschaft, der Swiss Prime Site (SPS). «Eine so grosse zusammenhängende Landmasse ist in der Region selten. Auch die direkte S-Bahnanbindung und der Golfclub machen Otelfingen für Hitachi interessant.»
Das im Zentrum stehende Jelmoli-Lagergebäude wurde von Roland Rohn in den 1960er-Jahren als Ikone realisiert, ein Vorzeigeobjekt des Systembaus. Auch das Heizhaus mit Kamin sowie das Portiergebäude bleiben erhalten. Synergien zu nutzen und Mehrwert zu schaffen, sei Kern des Campus-Gedankens. Wie sich die Architektursprache aufnehmen lasse, zeigen erste Visualisierungen: Der Bestand werde durch Neubauten ergänzt und der Aussenraum landschaftsplanerisch aufgewertet. Durch die Verlegung der Parkplätze nach Westen entstünde vor dem Bahnhof eine autofreie Zone mit hoher Aufenthaltsqualität.
Hochbau- und Planungsvorstand Dominique Huber ordnete das Projekt hinsichtlich baurechtlicher und -technischer Fragen ein. Das Jelmoli-Gebäude sei im Inventar der überkommunalen Denkmalschutzobjekte, die Zusammenarbeit zwischen Architekten und kantonaler Denkmalpflege kontinuierlich und eng: «Es gibt keine denkmalpflegerischen Hindernisse.» Auch aus archäologischer Sicht sei das Gelände freigegeben worden. Da es sich um ehemaliges Moorgebiet handle, sei jedoch der hohe Grundwasserstand zu berücksichtigen. «Grossflächige, tiefe Unterkellerungen sind nicht zulässig», sagte Huber, man sei mit dem AWEL in Abklärung.
Ausnahmen zugelassen
Ein weiteres Thema betreffe das Prüflabor: Um sehr grosse Komponenten testen zu können, müsse es vier Meter höher gebaut werden als nach der Otelfinger Bauzonenordnung erlaubt. Das Baugesetz des Kantons lasse in speziellen Fällen jedoch Ausnahmen zu. Um Planungssicherheit zu erhalten, verlange SPS einen Vorentscheid zu Überhöhe und Terrainfestsetzung. Es werde daher eine Voranfrage mit Plänen und ausführlicher Begründung eingereicht. «Sie sie sind herzlich eingeladen, die Unterlagen vom 20. März bis 9. April auf der Gemeinde einzusehen und sich mit Fragen an mich zu wenden», forderte Huber die Anwesenden auf.
Zur Verkehrssituation erklärte Schaffner, die bestehende Bahninfrastruktur verfüge zwischen Regensdorf und Baden grundsätzlich jederzeit über freie Kapazitäten. Antizyklisches Pendeln aus Richtung Zürich wirke sich positiv auch auf den Strassenverkehr aus. Weitere Verbesserungen werden bis 2030 nach Abschluss der Gubrist-Sanierung sowie mit einer Ampelanlage bei der Einfahrt ins Industriegebiet erwartet. Gemäss Schätzungen könnte sich der Schwerverkehr halbieren, während die Zahl der Pendler-Autofahrten moderat ansteige.
Offene Kommunikation
«Es ist uns sehr wichtig, aktiv zu kommunizieren – offen, speditiv und zur richtigen Zeit», betonte die Gemeindepräsidentin. Auf Wunsch von Hitachi habe bislang noch nicht informiert werden können. Nun wolle man den Prozess rasch weiterführen und Planungssicherheit schaffen. Als Ansprechgruppe betroffen seien zunächst die heutigen Mietparteien in den Liegenschaften von Swiss Prime Site; für diese sei am 25. März eine Infoveranstaltung geplant, und bei positivem Standortentscheid erfolge die Arealentwicklung in engem Austausch. Nachbarbetriebe müssten während der Bauphase mit üblichen Beeinträchtigungen rechnen, profitierten langfristig aber von der Aufwertung des Industriegebiets, zusätzlichen Angeboten und höherer Aufenthaltsqualität. Für die Gemeinde bedeute die mögliche Ansiedlung eine Attraktivitätssteigerung als Wohn- und Arbeitsort, Chancen für Gewerbe, Dienstleistungen und Gastronomie sowie ein deutlich erhöhtes Steuersubstrat, sagte Barbara Schaffner.
Der Standortentscheid wird in den nächsten Wochen erwartet. Fällt er positiv aus, könnte der Spatenstich auf der östlichen Bauparzelle bereits 2027 erfolgen. Die anschliessende Diskussion spiegelte überwiegend Zustimmung zum Projekt wider und wurde beim Apéro angeregt fortgesetzt.
Martina Kleinsorg