«Gegenvorschlag Schöpfungsinitiative» - die reformierte Kirche Furttal wäre ebenfalls von neuen Vorgaben betroffen, meint deren Präsidentin, Claudia Hartmann, im Gespräch. Bild: Judith Sacchi
18.09.2026 08:00
«Die Kirche ist verpflichtet, ihren Teil zum Umweltschutz beizutragen»
Mehr Klimaschutz, weniger fossile Energie: Ende September entscheiden die Reformierten über den Gegenvorschlag zur Schöpfungsinitiative. Claudia Hartmann, Präsidentin der reformierten Kirchgemeinde Furttal, erklärt, was das für ihre Kirchgemeinde bedeutet.
«Furttaler»: Am 27. September stimmen die Reformierten über die Klimavorlage der Zürcher Landeskirche ab. Die Kirchgemeinde Furttal umfasst rund 5600 Mitglieder in den Orten Buchs, Dällikon, Dänikon, Regensdorf, Adlikon und Watt. Wie stark wäre das Furttal von den neuen Vorgaben betroffen?
Claudia Hartmann: Die reformierte Kirchgemeinde Furttal wäre durchaus betroffen, aber nicht übermässig. Wir beschäftigen uns bereits heute intensiv mit unseren Liegenschaften, dem Energieverbrauch und nachhaltigen Lösungen. Die Kirchgemeinde Furttal ist seit 2024 Mitglied des Umweltmanagementsystems «Grüner Güggel».
Konkret würde uns die Forderung nach Ersatz fossiler Heizungen bis 2035 betreffen. Wir haben in verschiedenen Kirchen, Kirchgemeindehäusern und Pfarrhäusern noch Gas- und Ölheizungen.
Was würde sich für die Kirchen und Kirchgemeindehäuser der Kirchgemeinde ändern?
In allen Gebäuden der Kirchgemeinde müssten fossile Energieträger bis 2035 schrittweise ersetzt werden. Das betrifft die beiden Kirchen in Buchs und Dällikon, die Kirchgemeindehäuser Buchs und Dällikon sowie die drei Pfarrhäuser. Da aber die Heizungen dort alle bereits am Ende ihrer Lebensdauer sind, ist dies bereits heute Teil der Liegenschaftenstrategie. Die Kirche und das Kirchgemeindehaus in Regensdorf werden bereits mit Biogas geheizt.
Die reformierte Kirchgemeinde Furttal steht ja bekanntlich vor grossen Fragen rund um ihre Liegenschaften. Wie lässt sich Klimaschutz mit den finanziellen Herausforderungen der Kirchgemeinde vereinbaren?
Diese Frage ist wichtig. Klimaschutz darf nicht losgelöst von der finanziellen Realität betrachtet werden. Darum ist eine langfristige und sorgfältige Planung wichtig. Gleichzeitig zeigen aber viele Projekte, dass Investitionen in Energieeffizienz langfristig Betriebskosten senken können.
Die Kirchgemeinde hat eine Liegenschaftenstrategie bis 2050 erarbeitet. Wie beeinflusst die Abstimmung diese sowieso schon umstrittene Strategie?
Die strategischen Grundfragen unserer Liegenschaften bleiben dieselben. Die Liegenschaften sind für viele Kirchgemeinden eine Herausforderung. Auch wir werden uns in den kommenden Monaten intensiv damit beschäftigen und herausfinden müssen, wie wir die verschiedenen Gebäude weiterhin sinnvoll nutzen können. Bei Investitions- und Erneuerungsentscheiden müssten Klimaziele sicher noch konsequenter berücksichtigt werden.
Die Kritiker sprechen von einem «Güggelzwang» und befürchten zusätzliche Bürokratie. Die Kirchgemeinde Furttal ist bereits mit dem «Grünen Güggel» zertifiziert. Was bringt dieses Zertifikat einer Kirchgemeinde tatsächlich?
Der «Grüne Güggel» ist mehr als ein Label. Er hilft, Umweltziele systematisch zu erfassen, Massnahmen zu planen und Fortschritte zu überprüfen. Weil unsere Kirchgemeinde bereits zertifiziert ist, kennen wir Nutzen und Aufwand aus eigener Erfahrung.
Wir sind der Überzeugung, dass die Kirche dazu verpflichtet ist, ihren Teil zum Umweltschutz beizutragen. Kritiker sehen darin zu viel Bürokratie, Befürworter ein wirksames Instrument alle Kirchgemeinden mit in die Verantwortung zu ziehen. Nach einem Initialaufwand ist der (bürokratische) Aufwand gut machbar und erfordert keine zusätzlichen personellen Ressourcen.
Für unsere Kirchgemeinde ist der grösste Gewinn aber tatsächlich das gemeinsame Unterwegssein mit dem Thema Bewahrung der Schöpfung. Das Thema ist sehr präsent bei den Mitarbeitenden, bei der Planung der Gottesdienste, von Anlässen, beim Unterricht und in Sitzungen.
Müssen wegen der Klimaziele Investitionen vorgezogen werden?
In unserer Kirchgemeinde nicht, da wir schon seit längerer Zeit am Thema dran sind. Bis 2035 müssten einfach die fossilen Brennstoffe in allen Gebäuden vom Tisch sein.
Wenn Sie die Vorlage auf das Furttal beziehen, was wäre der Gewinn bei einem Ja und was wäre die grösste Herausforderung?
Der Gewinn wäre eine klare Orientierung und ein verbindlicher Rahmen für den Beitrag aller Kirchgemeinden zum Klimaschutz. Klimapolitik ist meiner Meinung nach auch ein theologisches Thema. Es geht um den Schutz und die Bewahrung der Schöpfung. Die grösste Herausforderung ist aber die Umsetzung innerhalb der finanziellen, personellen und denkmalpflegerischen Rahmenbedingungen der Kirchgemeinde.
Was sagen Sie Kirchenmitgliedern, die finden, die Kirche solle sich aus politischen Klimafragen heraushalten?
Ich respektiere diese Haltung. Für mich geht es jedoch weniger um Parteipolitik als um einen Grundauftrag der Kirche. Die Bewahrung der Schöpfung ist bereits heute in der Kirchenordnung verankert. Die Frage lautet deshalb nicht, ob die Kirche Verantwortung trägt, sondern wie sie diese Verantwortung konkret wahrnimmt.
Und umgekehrt, was sagen Sie jenen, die finden, dass die Kirche beim Klimaschutz noch viel weiter gehen müsste?
Ich verstehe auch diese Perspektive. Die Kirche kann und soll ihren Beitrag leisten. Gleichzeitig müssen wir aber verantwortungsvoll mit den Finanzen umgehen und Lösungen finden, die auch in Zukunft tragfähig sind.
Was bedeutet «Bewahrung der Schöpfung» für eine Kirchgemeinde im Alltag?
Im Alltag bedeutet das für mich einen verantwortungsvollen Umgang mit Natur, Energie, Umwelt, Nahrung und anderen Ressourcen. Es betrifft aber auch Bildung, Spiritualität und die Frage, wie wir als Kirche Verantwortung gegenüber kommenden Generationen wahrnehmen können.
Ist der Gegenvorschlag aus Ihrer Sicht ein tragfähiger Kompromiss?
Ja. Die ursprüngliche Initiative verlangte weitergehende und schnellere Ziele. Der Gegenvorschlag setzt verbindliche Vorgaben, konzentriert sich aber auf die gebäudebezogenen Emissionen bis 2035. Er lässt den Kirchgemeinden Freiraum bei der Umsetzung der Umweltthematik und gilt deshalb für viele als realistischer umsetzbar.
Was ist der erste konkrete Schritt im Furttal bei einem Ja am 27. September?
Wir würden analysieren, wo wir bereits auf Kurs sind und wo zusätzlicher Handlungsbedarf besteht, insbesondere bei den Liegenschaften.
Wenn die Vorlage abgelehnt wird, geht die reformierte Kirche Furttal dann ihren Weg betreffend Klimaschutz weiter oder würde sie Schlüsse daraus ziehen?
Ja, auf jeden Fall, geht sie ihren Weg weiter. Der Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung besteht unabhängig vom Abstimmungsausgang. Die Kirchgemeinde Furttal wird auch bei einem Nein weiterhin nachhaltige Lösungen verfolgen. Wir befinden uns mit dem «Grünen Güggel» ja bereits auf diesem Weg.
Sie sind neu Präsidentin der reformierten Kirchenpflege Furttal. Wie wichtig ist das Thema dieser «Premieren»-Abstimmung der Schöpfungsinitiative für Ihr erstes Amtsjahr?
Die Abstimmung ist wichtig, weil sie grundsätzliche Fragen zur Zukunft unserer Kirche berührt: Verantwortung, Glaubwürdigkeit, Nachhaltigkeit und den Umgang mit unseren Liegenschaften. Gleichzeitig liegt mir persönlich der Umweltschutz, das Sorgetragen zu unserem Lebensraum sehr am Herzen. Als Mutter von drei Kindern und Frau eines Biologen ist das immer wieder ein wichtiges Thema am Familientisch. Für mich sind aber auch die langfristige Liegenschaftenstrategie, die Finanzen und das kirchliche Leben vor Ort zentrale Aufgaben im ersten Amtsjahr.
Ebenfalls haben wir in diesem Jahr einen Visionsprozess gestartet und beschäftigen uns intensiv mit der Frage, wohin der Weg für die Kirchgemeinde Furttal in Zukunft gehen soll.
Interview: Judith Sacchi