18.09.2026 10:50
Eine grossartige Zeit im kleinen Zirkuszelt
Am letzten Samstag feierte der Zirkus Otelli Premiere mit seinem 41. Programm. Inspiriert von Michael Endes Jugendroman thematisiert «MOMOtelli» den bewussten Umgang mit der Zeit als Rahmen für ein fröhliches Spektakel.
Otelfingen. Buntes Treiben herrschte am Samstagnachmittag auf dem «Zirkus-Otelli-Platz» vor dem Otelfinger Gemeindehaus. Der Eintritt in die grosse Zirkuswelt im kleinen Chapiteau führt einmal «dur d’Uhr dur» – durch die Uhr durch: Ein überdimensionierter Chronograph ziert den Vorhang, von fröhlichen Sonnenblumen umrahmt. «Stellen Sie die Handys ab und vergessen Sie die Zeit», fordert Clownin Clea das Publikum auf. Die Premiere ist mit rund 100 Zuschauern gut besucht, aber nicht ausverkauft. Die Kleinsten tummeln sich mit Popcorntüten ganz vorn an der Drehmanege.
«MOMOtelli» heisst das 41. Programm, angelehnt an Michael Endes Jugendroman-Klassiker. Für das Rahmenspiel rund um die 25 Zirkusnummern hat Otelli-Gründer und -Leiter Fritz Zollinger «Momo» frei interpretiert und inszeniert. «Was ist Zeit?», versuchen die Clowninnen Alice, Liya und Eloyse zum Einstieg die Grundsatzfrage zu klären, während sie den Boden der Manege zur Uhr werden lassen. Die Zeiger in unterschiedlichen Tempi gemeinsam in die richtige Richtung – im Uhrzeigersinn – zu bewegen, erweist sich als schweisstreibender Hürdenlauf. «Zeit ist Stress», lautet das Fazit. «Keine Zeit», hat gerade auch Zirkusdirektor Fritz, um den rechtzeitigen Beginn der Aufführung besorgt.
Momo – mit knallroter Lockenperücke – öffnet ihnen die Augen für einen guten und erfüllenden Umgang mit der Zeit – «im Kampf gegen eine unbewusste Verschleuderung und Nicht-Nutzung des wertvollen Gutes», wie es im Vorwort des liebevoll gestalteten Programmheftes heisst. Ihr zur Seite steht Riesenschildkröte Kassiopeia, die Handys statt Salatköpfe frisst – und damit den «Zeit-Dieben» von heute den Garaus macht. Zeit solle man sich jedoch immer wieder auch für Unwichtiges nehmen, gibt Momo allen mit auf den Weg:» Das ist zwar unnötig, aber macht Freude.»
Jonglieren mit der Zeit
Rund 30 Mitwirkende zwischen sechs und fünfzehn Jahren zeigen in der Manege ihr Können: Vom zarten Reigen auf dem Hoverboard bis zur Hip-Hop-Performance, vom Lauf auf Leitern und Kugeln bis zum Seiltanz. Jongliert wird mit Bällen, Devilsticks und Ballonen mit Knalleffekt – und mit der Zeit, symbolisiert von Ziffernblättern. Magier Jamie lässt ein Glas ohne Berührung zerspringen, seine Assistentin zertrümmert mit dem Hammer eine Uhr, die sich auch von Zauberhand nicht wieder zusammenfügt: «Es ist ja nur die Uhr kaputt, Zeit haben Sie ja trotzdem», weiss sie den Besitzer zu trösten. Belle hat mit ihrer Katze Melon etwas einstudiert. Auch wenn das Tier angesichts des ungewohnten Publikums die Darbietung verweigert, ist die Liebe zwischen beiden spürbar.
Diverse Akrobatiknummern – am Boden, an Bändern, Trapezen, Vertikaltüchern und freihängender Polestange – versprühen Grazie und Anmut. Balance ist gefragt, wenn sich «Momo» in dreifacher Ausführung auf dem Rola-Rola zur menschlichen Pyramide stapelt. In rasanter Choreografie drehen die Einradfahrerinnen ihre Runden, vorwärts, rückwärts, geschultert und in Pirouetten.
Nach knapp zweieinhalbstündiger Vorstellung inklusive Pause singen alle noch einmal gemeinsam das «Otelli-Zeit-Lied» von Hannes Diggelmann. Das Publikum begleitet den finalen Aufmarsch mit begeistertem Applaus.
Engagement schweisst zusammen
Handy als «Zeit-Diebe» zu entlarven, sei ihm ein persönliches Anliegen, erzählt Fritz Zollinger im Interview. Der vereinbarte Handy-Verzicht rund um die Aufführungen bringe die Kinder miteinander ins Gespräch und helfe bei der Fokussierung. Zwar sei der eine oder andere anspruchsvolle Trick erst im wiederholten Anlauf gelungen, «aber ich bin sowieso nie zufrieden», sagt der 77-Jährige schmunzelnd und kann seinen Stolz auf die Mitwirkenden in der Manage oder als Musizierende unter der Leitung und Begleitung von Maestro Yves Ramel nicht verbergen. Als Artistin, Sängerin und inzwischen auch als Trainerin ist Julia Sendlhofer seit zehn Jahren dabei, nun heisst es für sie Abschied nehmen. «Für mich war es eine wunderschöne Zeit», blickt die 15-Jährige zurück. «Ich bin sehr selbstbewusst geworden und geniesse das Gemeinschaftsgefühl.» Ab einem Alter von fünf, sechs Jahren sei jedes Kind im Zirkus Otelli willkommen, sagt Fritz Zollinger – die Eltern sind als ehrenamtliche Helfer automatisch verpflichtet und verschiedenen Ressorts zugeordnet, vom Kostüm- bis zum Technikteam. «Wir machen es mega gerne – es schweisst Eltern und Kinder zusammen» bestätigt Isabelle Kümin, die die jüngste Akrobatik-Gruppe leitet und mit ihrem Mann während der Aufführung die Requisiten im Sattelgang bereitstellt. Erleichtert zeigt sich Artistin und Momo-Darstellerin Isabelle Karlen nach der Premiere: «Ich war vorher schon etwas nervös.» Die Probenzeit sei intensiv gewesen: «Das Textlernen fand ich fast am schwersten», verrät die 13-Jährige. Sie freue sich bereits auf das nächste Wochenende: «Dann besuchen meine Grossmütter aus dem Wallis und aus Kanada die Vorstellung.»
Befürchtungen, dass Zirkus in Zeiten von Social Media und KI kein Publikum mehr finden könnte, hat Fritz Zollinger nicht: «Zirkus wird es auch in 50 Jahren noch geben», ist er überzeugt. «Die Menschen kommen, um mit den Clowns über sich selber zu lachen und um über die Fähigkeiten anderer Menschen zu staunen, die sie selber nicht haben.»
Weitere Vorstellungen heute Freitag, 19 Uhr, und morgen Samstag, 14.30 Uhr (ausverkauft) und 19 Uhr. Tickets unter: tickets@otelli.ch oder telefonisch zwischen 9 und 11 Uhr unter der Nummer 078 204 43 53.
Martina Kleinsorg